:: Martin Frischknecht: Die anderen Evangelien


 

Neues vom ungläubigen Thomas

 

 

Von Martin Frischknecht

 

 

Ist es dem Menschen möglich, Gott zu erkennen; vermögen wir, ihn zu erfahren, oder müssen wir an Gott glauben, einfach nur glauben? Den Leserinnen und Lesern dieser Zeitschrift eine solche Frage zu stellen, scheint ein müssiges Unterfangen. Ganz klar gehört SPUREN ins Lager jener, die darauf aus sind, das Göttliche selber zu erkennen und zu erfahren. Ob es Gott ist, wozu der Mensch sich damit in Beziehung setzt, ist wieder eine andere Frage. Auf jeden Fall gilt unter denen, die sich auf dem bunten Feld moderner Spiritualität und Esoterik umtun, als ausgemacht, dass es darum geht, das Heilige selber zu erfahren, und dass der Mensch mit allem ausgestattet ist, sich diese Kenntnis auch tatsächlich anzueignen.
Gerade umgekehrt im Lager der Christen. Unter ihnen scheint selbstverständlich, dass es darum geht, zu glauben: an Gott, den einen und einzigen, an dessen menschgewordenen Sohn Jesus Christus und an den Heiligen Geist. Im Akt der Taufe, im Nachsprechen des christlichen Bekenntnisses und in der Eucharistie wird dieser Glaubensinhalt hochgehalten und erneuert. Mehr braucht es zum Heil der Seele im Grunde nicht. Die weiteren Glaubenshandlungen wie das Sprechen von Gebeten, das Ablegen der Beichte oder das Empfangen von Sakramenten sind Ausprägungen der unterschiedlichen christlichen Konfessionen. Alle beruhen sie aber auf dem Kanon der vier Evangelien und dem christlichen Credo.
Zwischen Gott erfahren und an ihn glauben klafft eine Lücke. Christen wird es im Betrieb der Esoterik schwindelig, hier finden sie zu wenig Gewissheit und Verpflichtung. Umgekehrt mangelt es Esoterikern im Betrieb der christlichen Kirchen an Freiheit und lebendiger Erfahrung, und dort, wo in Pfingstgemeinden Begeisterung gelebt wird, mündet diese erst recht in Selbstgerechtigkeit und Exklusivität.
Selbst wenn christliche Bildungshäuser neuerdings daran sind, verschüttete Praktiken aus der eigenen mystischen Tradition freizulegen und im Rahmen von Selbsterfahrungskursen zu vermitteln, täuschen diese Angebote zu christlicher Meditation, zum getanzten aramäischen Vaterunser und zum Heilwissen der Hildegard von Bingen nicht darüber hinweg, dass sich die Lager nach wie vor feindlich gegenüberstehen: Hier die Gläubigen im unerschütterlichen Vertrauen auf ihren Herrn Jesus, den Heilsbringer als sichere Burg im Sturm der Zeiten, dort die Esoteriker, die sich mal für dieses begeistern, dann wieder für jenes, hauptsächlich aber für die eigene Begeisterung.


Die anderen Evangelien
So war es immer schon, könnte man meinen. Tatsächlich reicht die Spaltung weit zurück bis zu den Anfängen des christlichen Glaubens, doch betrifft die Trennung nicht den Begründer selbst. Der war markant anders, als uns jene glauben machen, die seit dessen Tod in seinem Namen predigen. Jesus Christus, der Zimmermannssohn aus Nazareth, hat vieles von dem, was ihm in der Bibel zugeschrieben wird, weder gesagt noch getan. Anderes aber, was von ihm tatsächlich überliefert wurde, ist heute kaum mehr bekannt.
«Jesus spricht: ‘Wenn die, die euch vorangehen, zu euch sagen: Siehe, im Himmel ist das Königreich!, dann werden euch die Vögel des Himmels zuvorkommen. Wenn sie zu euch sagen: Es ist im Meer, dann werden euch die Fische zuvorkommen. Vielmehr: Das Königreich ist innerhalb von euch und ausserhalb von euch. Wenn ihr euch erkennt, dann werdet ihr erkannt werden, und ihr werdet begreifen, dass ihr die Kindes des lebendigen Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erkennt, dann existiert ihr in Armut, und ihr seid die Armut.’»
Das sagt Jesus, doch in der Bibel steht es nicht. Die Passage steht im Evangelium des Thomas, in einem so genannt apokryphen christlichen Text, der in den ersten hundert Jahren nach dem Tod des Meisters entstand. Das Schreiben von Evangelien war unter den ersten Christen verbreitet. Die heute bekannten, von der Kirche sanktionierten vier Evangelien sind keineswegs die einzigen und ältesten Berichte über Leben und Wirken der messianischen Lichtgestalt aus Galiläa. Daneben kursierten zahlreiche weitere Evangelien und Botschaften Jesu.
Da zu Jesu Lebzeiten keiner etwas aufschrieb und die ersten Berichte erst Jahrzehnte nach dessen Tod zu Papier gebracht wurden, war es damals nicht möglich, Dichtung und Wahrheit auseinander zu halten. Doch als die christliche Überzeugung in den folgenden Jahrhunderten vereinheitlicht und auf Kurs gebracht wurde, blieb manches Jesus-Wort, das den Kirchenvätern nicht ins Konzept passte, auf der Strecke. Nachdem Kaiser Konstantin den zuvor heftig bekämpften christlichen Glauben im Jahre 312 zur Staatsreligion des römischen Reichs erhoben hatte, wurde die später siegreiche katholische Kirche auf dem Fundament von nurmehr vier Evangelien errichtet.
Von der Existenz der verbannten Evangelien wusste die Nachwelt lange nur durch die Kampfschriften jener Kirchenväter, die gegen das Treiben der anderen Christen gewettert hatten und dabei nicht umhin kamen, die Texte der Gegner stellenweise zu zitieren. 1946 aber stiess ein ägyptischer Bauernjunge bei Nag Hammadi in der Gegend von Luxor in einem antiken Grab auf einen grossen Tonkrug, der eine stattliche Anzahl dieser Schriften in koptischer Fassung barg. Wie eine Flaschenpost aus antiker Zeit hatten die Schriftrollen von Nag Hammadi 1600 Jahre überdauert, um uns Heutigen die Augen zu öffnen für das, was bei der Geburt des Christentums auf der Strecke geblieben war.


Unvermutete Kraft
Elaine Pagels, eine amerikanische Theologieprofessorin mit Lehrstuhl in Princeton, erforscht seit dreissig Jahren die unbekannten gnostischen Evangelien. «Diese Funde reizten uns nicht nur in intellektueller, sondern – zumindest in meinem Fall – auch in spiritueller Hinsicht», blickt sie auf die Anfänge ihres Forscherlebens zurück. «Ich hatte Respekt vor den Werken von ‘Kirchenvätern’ wie Irenäus entwickelt, jenem Bischof von Lyon (um 180), der solches esoterisches Schrifttum als einen ‘Abgrund des Unsinns und der Lästerung gegen Christus’ brandmarkte. Deshalb erwartete ich nun, die in der jüngsten Vergangenheit entdeckten Texte voll von schiefem, banalem und gespreiztem Gerede zu finden. Stattdessen stiess ich zu meiner Überraschung in manchen von ihnen auf eine unvermutete spirituelle Kraft, etwa in Aussprüchen wie diesem aus dem Thomas-Evangelium: ‘Jesus spricht: Wenn ihr jenes in euch erzeugt, (dann) wird das, was ihr habt, euch erretten. Wenn ihr jenes nicht in euch habt, (dann wird) das, was ihr nicht in euch habt, euch töten!’ Die Kraft, mit der uns dieses Logion anspricht, liegt darin, dass es uns nicht vorschreibt, was wir glauben sollen, sondern uns auffordert, zu entdecken, was in uns verborgen liegt.»
In diesem Herbst hat Elaine Pagels eine neue Studie vorgelegt: Das Geheimnis des fünften Evangeliums. Kurz und erhellend beschreibt sie darin, wie in der Geburtszeit des Christentums das wenige, was über Jesus Christus bekannt war, zum Gebäude einer Religion geformt wurde, wie die Vielfalt der Bekenntnisse zunehmend eingeschränkt wurde und welche Art von Glaubensverständnis draussen vor der Türe blieb. Auf Parteinahme und Polemik kann diese ausgewiesene Kennerin der antiken Gnosis verzichten. Die Texte und die Erkenntnisse, die Pagels in Übereinstimmung mit zahlreichen modernen Bibelforschern daraus ableitet, sprechen für sich.


Der Streit der Evangelisten
Polemisch ging es zu und her in jener Zeit, die Gläubige heute gerne zur guten alten Zeit der Urchristen stilisieren. Die unterschiedlichsten Auffassungen und Auslegungen von Jesu Botschaften eiferten um die Gunst der Gläubigen. Da diese sich vom römischen Staat verfolgt und blutig unterdrückt sahen, nahm die Auseinandersetzung unter den Christen selber deutlich an Schärfe zu. Nach den christlichen Märtyrern, die bereit waren, für ihren Glauben in den Tod zu gehen, brannten bald auch die Schriften jener, die abweichende Meinungen vertraten. Mit dem Aufstieg zur Staatsreligion erhielt die römisch-katholische Kirche auch die Machtmittel in die Hand, ihre Lehre gegen alle anderen durchzusetzen.
Dieser Kampf schlug sich gerade auch in der allseits als «Wort Gottes» verehrten Bibel nieder. Das erste der kanonischen Evangelien, jenes des Markus, entstand nach den Erkenntnissen der Bibelforschung in den siebziger Jahren, die Evangelien von Lukas und Matthäus, welche sich auf Markus beziehen, wurden um das Jahr 95 abgefasst. Vom Evangelium des Johannes geht man aus, dass es aus der Feder mehrerer Autoren stammt und sich der erste dieser Verfasser ums Jahr 110 herum ans Werk machte. Allen vier Evangelisten mussten als Ausgangsmaterial Sammlungen von Sprüchen des Jesus von Nazareth gedient haben mit Jesus-Zitaten, die jene überlieferten, welche den Meister auch tatsächlich noch lebendig kannten. Eine dieser frühen Sammlungen ist das Evangelium des Thomas.
Die Aussprüche von Jesus, wie sie Thomas aufzeichnete, sind nicht dazu angetan, daraus die heilige Schrift einer Religion zu zimmern. Eher wirken diese zusammenhanglos notierten Sprüche wie die pointierten Interventionen eines Zen-Meisters: roh, direkt und von ansteckender Lebendigkeit. «Jesus spricht: Erkenne, was vor deinem Angesicht ist, und das, was für dich verborgen ist, wird sich dir enthüllen. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden wird.»
Aus dieser und weiteren Quellen haben die heute bekannten Evangelisten das Material geschöpft zu Episoden und Lehrreden Jesu und diese zu einer Lebensgeschichte verwoben. Frei von eigenen Absichten als reine Sprachrohre Gottes agierten sie und ihre Kopisten aber nicht. «Die Texte des Neuen Testaments sind nicht nur, wie es oft heisst, Zeugnisse des Glaubens, sie sind weithin auch Kampfschriften, gerichtet nicht nur gegen äussere Feinde, sondern auch gegen Christen, die anders denken», fasste der Göttinger Theologieprofessor Gerd Lüdemann seine Erkenntnisse der historisch-kritischen Textanalyse gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel zusammen. «Deshalb widersprechen sich die Evangelien und Briefe an vielen Stellen. Da schlagen sich im ‘Wort Gottes’ Richtungskämpfe nieder, bei denen auch vor Verleumdungen und zumindest in einem Fall vor einer massiven Fälschung nicht zurückgeschreckt wurde.»
Bei dem von Lüdemann monierten Fall handelt es sich um den zweiten Paulus-Brief an die Thessalonicher, zu dem die Fachwelt heute übereinstimmend der Meinung ist, dass es sich um eine Fälschung handelt. Frustrierend für die Forscher: In der Bibel bleibt der offenkundig falsche Paulus-Brief weiter stehen, das «Buch der Bücher» gilt Christen als sakrosankt und unantastbar, wissenschaftliche Erkenntnisse haben auf seine Zusammensetzung keinen Einfluss.


Du sollst glauben
Ein klarer Fall von Verleumdung ist die berühmte Geschichte vom ungläubigen Thomas. Sie kommt nur in einem der Evangelien vor, nämlich bei Johannes. Die von Johannes berichteten Thomas-Episoden sind ganz offensichtlich darauf angelegt, einen ungeliebten Gegner zu diffamieren. Dem Widerstreit zwischen dem Evangelium des Johannes und dem des Thomas widmet Elaine Pagels das zentrale Kapitel ihres neuen Buches. Erinnern wir uns: Johannes schrieb sein Evangelium ein halbes Jahrhundert nach Thomas. Der jüngere Autor behielt das letzte Wort; von dem, was Jesus bei Thomas tatsächlich sagt, hatten wir bis zum Fund von Nag Hammadi keinerlei Kenntnis.
Stattdessen kennen wir den «ungläubigen Thomas»: Dreimal zweifelt bei Johannes dieser Jünger, der bei den anderen Evangelisten nur als einer von zwölfen auftritt, an der Wunderkraft seines Meisters, und dreimal wird er von Jesus gemassregelt. Zunächst stellt Thomas die Heilung des Lazarus in Frage, später prophezeit Jesus seinen nahen Tod und sagt den Jüngern: «Und wohin ich gehe (nämlich zum Vater), dahin wisst ihr den Weg.» Als einziger Jünger entgegnet darauf Thomas, nein, diesen Weg wisse er nicht. Darauf geht Jesus – immer gemäss Johannes – in die Vollen: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.»
Als Jesus nach dem Tod am Kreuz aufersteht, erscheint er bei Lukas und bei Matthäus seinen «elf Jüngern» – zwölf minus Judas Iskariot. Im Evangelium des Johannes aber erscheint er lediglich zehn Jüngern, die er segnet und zu seinen Aposteln ernennt: «Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch.» Thomas gehört nicht zur auserwählten Schar. Als dieser später von der Auferstehung vernimmt, äussert er den berühmten Zweifel: «Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege und lege meine Hand in seine Seite, so werde ich nicht glauben.» Jesus erscheint ein zweites Mal, jetzt auch Thomas, den er heftig tadelt: «Sei nicht ungläubig, sondern gläubig», worauf Thomas überwältigt murmelt: «Mein Herr und mein Gott!»
Das Johannes-Evangelium ist nach den Erkenntnissen von Gerd Lüdemann nichts viel mehr als «fromme Dichtung» und habe mit dem historischen Jesus fast nichts zu tun. Ob fromm oder nicht, bleibe dahingestellt. Fest steht, dass in den ersten Jahrhunderten des Christentums von kirchlichen Autoritäten eine bewusste Parteinahme zugunsten von Johannes und zu Lasten von Thomas durchgesetzt wurde. Damit vollzog sich eine Wende, von der sich diese einst vielgestaltige, lebendige, ja kreative Religion nie mehr erholte. Wohl gab und gibt es in der christlichen Tradition immer wieder einzelne Mystiker, denen es glückt, Gott respektive dessen Vertreter auf Erden in sich selber zu begegnen, Gläubige auf einem Erfahrungsweg, welche die Einheit alles Seienden verwirklichen. Doch solche Erfahrungen ereignen sich am Rande der offiziellen Glaubensdoktrin, und der Christ, dem so etwas zustösst, läuft Gefahr, verketzert zu werden.
Gerd Lüdemann, 1996 im besagten Interview befragt, welchen Teil des Neuen Testaments er für den zweifelhaftesten halte, bezeichnete ohne Zögern die Johannes-Offenbarung, diese «blutrünstige und grausame Schilderung vom Ende der Welt». Die Apokalypse des Johannes empfahl der Theologieprofessor zur ersatzlosen Streichung. Dies, wohlgemerkt, nicht etwa aufgrund persönlicher Präferenzen, sondern nach jahrzehntelanger gewissenhafter wissenschaftlicher Arbeit an der Bibel. Ob es umgekehrt einen Text gebe, der eigentlich ins Neue Testament gehöre, wurde der Forscher weiter gefragt. Wieder kam die Antwort ohne Zögern: das Thomas-Evangelium. Es enthalte etliche Jesus-Worte, die er für authentisch halte.
Seinen Theologie-Lehrstuhl ist der Göttinger Professor unterdessen auf Betreiben der evangelischen Kirche los. Mit seinem unerschrockenen Infragestellen der «Heiligen Schrift» war er für die Institution Kirche zum untragbaren Lehrer geworden. Seine Zeit hat Gerd Lüdemann seitdem genutzt, um in der Bibel weiter die Spreu vom Weizen zu trennen. Eine 890 Seiten starke Studie von ihm beschäftigt sich eingehend mit dem, was Jesus tatsächlich sagte und tat. Dabei bezieht sich das Werk auch auf eine noch unbekannte Schatztruhe christlicher Weisheit: das Thomas-Evangelium.


Elaine Pagels: Das Geheimnis des fünften Evangeliums. C. H. Beck Verlag, München 2004.
Gerd Lüdemann: Jesus nach 2000 Jahren. Zu Klampen Verlag, Lüneburg 2004.
Informationen:
www.gerdluedemann.de

 

Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 75 Frühling 2005

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