:: Gerhard Wimberger: Glauben ohne Christentum.

Gerhard Wimberger: Glauben ohne Christentum. Eine Vision.

ISBN 978-3-8288-3044-8, 135 Seiten, Marburg, Tectum Verlag 2013, EUR 14,95.

Rezension von Helmut Debelius, 22.05.2013

(hpd) Ein Komponist, Altmeister seiner Kunst, legt ein religionskritisches Buch vor. Er begründet nicht nur, warum das Christentum ausgedient hat, warum es eine menschliche Erfindung und ein geistiges Fossil geworden ist. Dabei weiß er zwischen Religion und Religiosität zu unterscheiden und entwirft ein Szenario, den Glauben vor der Religion zu schützen und als Vision zu entwickeln.

Er ist Komponist sechs abendfüllender Opern, Dirigent, und war lange Jahre Hochschulprofessor am Mozarteum Salzburg. Als Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele arbeitete er eng mit Herbert von Karajan zusammen. Im deutschsprachigen Raum gilt Gerhard Wimberger als Nestor seiner Kunst, wird 2013 nach der Uraufführung seiner "Passion Giordano Bruno" bei den Salzburger Festspielen das 90. Lebensjahr vollenden und legt nun dieses religionskritische Buch vor. Wie ist die Perspektive eines Künstlers mit seiner Altersweisheit auf "Glauben ohne Christentum"?

In DAS ALTERN DES CHRISTENTUMS, dem ersten Teil seines Buches, begründet der Autor übersichtlich, weshalb das Christentum im dritten Jahrtausend seine Aussagekraft verloren hat. Er erörtert zunächst allgemeine Aspekte der Religion und schreibt mit klaren Worten "Religionen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern gehen von sterblichen Menschen aus, die behaupten, dass Gott sich ihnen offenbart habe" und "Es entstanden Heilige Bücher, deren Texte als Offenbarungen Gottes und somit als Wort Gottes angebetet werden, weil sie die Wahrheit lehren."

Zum Christentum als größter Weltreligion schreibt er u. a. "Die Neigung von Religionen zur Machtentfaltung zeigt sich beim Christentum in hohem Maße. In der Weltgeschichte haben sich unzählige Beispiele christlichen Machthungers, Geschehnisse bis zum Völkermord eingeschrieben".

Wimberger hat sich eingehend mit der Bibel beschäftigt und kommt zur Überzeugung, dass das Christentum in der heutigen Zeit völlig unglaubhaft und zum geistigen Fossil geworden ist. Er erklärt dem Leser die göttliche Offenbarung Dei Verbum, sowie Inhalte des katholischen Kathechismus und des protestantischen Glaubensprinzips Sola Scriptura.

Die folgenden Kapitel zu Jesus Christus haben mich besonders erfreut: Wie der Autor die Ursprünge der Göttlichkeit des Gottessohnes und die absurde Dreifaltigkeit aufgrund diverser Konzilsbeschlüsse Jahrhunderte nach dem Leben Jesu beschreibt, sollte jeden Christ-Gläubigen zum Nachdenken anregen. Wenn er fundamentale Widersprüche im Leben des "Religionsgründers", wie sie im Neuen Testament zuhauf vorkommen, beklagt, weist Wimberger darauf hin, dass ihm als Nichttheologen das Lösen vom unreflektierten "an den Glauben glauben" inneres Anliegen ist. Denn 85 Prozent aller überlieferten Worte Jesu sind Wunschdenken, Manipulation und Fälschungen.

In weiteren Kapiteln wie WIDERSPRÜCHLICHES und UNGLAUBWÜRDIGES geht es ins Detail.

Einwände zum Selbstverständnis der Christen gibt es auch weiterhin zum Thema Schöpfung - Evolution oder zu Moral - Ethik: "Verantwortung für menschliches Tun an die göttliche Weisheit zu delegieren, dies ist nicht nur Ausdruck metaphysisch dunkler Irrationalität, sondern schwächt die Mündigkeit des Menschen. Dazu wird die Erkenntnis zwingend notwendig sein: Altruismus und Empathie haben sich biologisch und kulturell evolutionär gebildet." Überzeugend ist des Autors Kritik zum Menschenbild des Christentums, das vom Symbol des leidenden Gottes am Kreuz durchdrungen ist und das gesamte christliche Denken bestimmt.

Beeindruckend fand ich im folgenden die Kapitel GLAUBE UND VERNUNFT oder TRADITIONALISMUS: Er spricht von den Argumentationsfinessen vom Landpfarrer bis zum Papst, Vernunft und Glauben zu vermählen. Und weist immer wieder auf das starre Festhalten an Dogmen und menschenverachtenden Texten in der Bibel hin. Der Autor gibt seine Interpretation zu Aussagen des Papstes zum Thema Sinn. "Dass Gläubige alle religiösen Widersprüchlichkeiten negieren oder verdrängen, sollte als Symptom für den Geisteszustand unserer Gesellschaft nicht übersehen werden."

Gerhard Wimberger beschäftigt sich ausführlich mit den MYTHEN und wie fragwürdig es ist, wenn die Religion sie als offenbarte historische Fakten dogmatisiert, sei es die Gottessohnschaft eines palästinensischen Rabbi, dessen Auferstehung etc. Der Begriff der Theodizee wird erklärt und wie christliche Vertreter sich winden, diese Rechtfertigung Gottes zu erklären. Der Autor schließt dann den ersten Teil des Buches aus seinem Blickwinkel als Künstler: "Als ein von der großartigen Kultur des Abendlandes Geprägter weiß ich sehr wohl um die Bedeutung der Religion und bewundere die grandiosen künstlerischen Werke, die sie schaffen ließ."

VOM CHRISTENTUM ZU HUMANISTISCHER RELIGIOSITÄT heißt der zweite Teil seines Buches. "Die Schweigsamkeit der Götter bereitet den Menschen heute wachsendes Unbehagen. Diese Desavouierung des Menschen zu einer Gottesmarionette ist 2.000 Jahre nach Christus und 1.400 Jahre nach Mohammed nicht mehr erträglich." Und der Autor fragt, ob die Ideologie Religion wirklich zu den existentiellen Grundbedingungen menschlichen Daseins gehört. Worauf er eine schlüssige Antwort gibt.

Seine Ausführungen im Kapitel ATHEISMUS sind wieder überzeugend, auch weil er berühmte Vertreter und Autoren wie Meister Eckhart, Giordano Bruno, Fritz Mauthner und Georges Minois zitiert. Wimberger kommt zu dem Schluss, dass Atheismus keinen verderbliche Lehre sei, sondern dass er Raum für geistige Freiheit eröffne, von der jene Menschen nichts ahnen, denen ihre Fixiertheit auf ein imaginäres Gottesbild den Blick in den geistigen Kosmos verstellt.

Im Humanismus sieht er die Möglichkeit einer postchristlichen Zukunft. Nach einer Begriffsbestimmung erklärt der Autor, warum er dem Evolutionären Humanismus nahe steht und geht auf Julian Huxley ein. Ethisch-moralische Leitideen vor Christus (Ägypter, Sumerer, Babylonier, Gilgamesch-Epos u.w.) zeigen, dass das Christentum wenig authentisch ist.

Im Deutschen wird zwischen Religion und Religiosität unterschieden und der Autor erklärt ihre Inhalte und schreibt weiter: "Dieses Buch dient der Bereitschaft, sich dieser geistigen Orientierung zu nähern. Religiosität ist im Menschen durch biologische und kulturelle Evolution angelegt. Sie wird durch biografische und/oder kulturelle und/oder soziale Gegebenheiten individuell entwickelt und geformt. Neue Bewusstseinsstrukturen öffnen den Zugang zu einer neuen Religiosität."

Gerhard Wimberger gesteht sich als Künstler das Recht zu, ein Phantast zu sein. So entwirft er zum Schluss des Buches "ein wahrlich absurd-utopisches Szenarium, zur fiktiven Wirklichkeit geworden in zukünftigen Jahrhunderten." So habe ich das bislang noch nicht gelesen, aber mit dem Gotteswahn und dem Dogmatismus des Christentums vertraut, sind seine Visionen tatsächlich utopisch. Das Buch ist spannend zu lesen und bewirkt bei mir Bewunderung zu einem "Mann der Kunst", dessen Klartext mich über alle Maßen erstaunt hat.