:: Deschner Zitate

Am Beginn einer Religion, zumindest einer alten, steht wohl kaum die Fälschung, wohl aber der Irrtum, wie noch am Anfang des Christentums: das sicherste Ergebnis der modernen historisch-kritischen christlichen Theologie. Der Mensch kam vermutlich auf ganz »natürliche« Weise, über die Natur eben und seine Psyche, zum Glauben an Gott. In langen Prozessen phantastischen Tastens, in unabsehbaren Phasen des Imaginierens, Abstrahierens, Hypostasierens, über Idiosynkrasien der Angst wohl vor allem, vielleicht auch des Glücks, gelangte er zu Dämonen-, Geister-, Göttervorstellungen, von der Ahnenverehrung über Animismus und Totemismus zum Polytheismus, Henotheismus, Monotheismus. Mit Betrug hat das ursprünglich, nichts zu tun, um so mehr wohl mit Furcht, Hoffnung, mit Unsicherheit, Wunschträumen. Begründet an Religionen ist im wesentlichen nur, was ihnen lange vorausgeht, das Fragen nach unsrem Woher, Wohin, das Warum. Genau dies hält sie ja auch am Leben. Sobald jedoch die Antworten beginnen, die unbewußten, halbbewußten, die Unterstellungen, Behauptungen, beginnt auch das Lügen, das Fälschen zumal durch jene, die davon leben, die dadurch herrschen.

Die Masse ist dem Mirakulösen, Legendären ergeben, sogenannten Geheimwissenschaften, Geheimüberlieferungen. Sind doch selbst die gebildeteren Schichten oft reichlich leichtgläubig, gierig nach Göttererscheinungen, Offenbarungen, uralten Urkunden – und, wie der vielgereiste Pausanias sagt, »es ist nicht leicht, die Menge vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was sie nun einmal glaubt«; was ohne Einschränkung weiter gilt, ob sie in den alten Religionen fortleben oder in neue Formen sich hüllen: Spiritismus, Theosophie, Psychomorphismus.

Wie es aber mit dem Neuen Testament und seiner Zuverlässigkeit steht, das hat die historisch-kritische Th eologie in ebenso umfassender wie akribischer Weise gezeigt, und zwar mit weithin negativem Resultat. Sind die biblischen Bücher doch nach den kritischen christlichen Theologen »an der Historie nicht interessiert« (M. Dibelius); »weithin nur eine Anekdotensammlung« (M. Werner); »nur mit äußerster Vorsicht (zu) benutzen« (M. Goguel); sie stecken voller »Kultlegenden« (von Soden), »Erbauungs- und Unterhaltungsgeschichten« (C. Schneider), voller Propaganda, Apologetik, Polemik, Tendenz. Kurz, der Glaube ist hier alles, die Geschichte nichts.

Machen wir uns zunächst eine gravierende Tatsache klar: Von keinem Evangelium, keiner neutestamentlichen, ja, überhaupt von keiner biblischen Schrift besitzen wir ein Original – auch wenn man bis in das Jahrhundert der historischen Aufk lärung hinein behauptet hat, das Original des Markusevangeliums zu besitzen, sogar zweimal, in Venedig wie in Prag; und beide Originale in einer Sprache, die kein Evangelist je schrieb, in Latein. Doch auch die ersten Abschriften fehlen. Wir haben nur Abschriften von Abschrift en von Abschriften, und noch immer tauchen neue auf. (1967 zählte man mehr als 1500 Handschriften des griechischen Alten und 5236 Handschrift en des griechischen Neuen Testaments, wovon allerdings ein und dieselben nicht so selten irrtümlicherweise mehrfach sigliert worden sind. Auch enthalten bloß sehr wenige dieser Schrift en das vollständige Neue Testament, und die meisten sind verhältnismäßig jung. Nur die Papyri reichen weiter zurück, manche bis ins 3. oder 2. Jahrhundert. Doch sind alle sehr fragmentarisch; der älteste Papyrus besteht aus wenigen Worten: Jh. 18,31–33 und 37–38.).

Da man in der Antike Bücher nur handschrift lich vervielfältigte, waren Falsifikate sehr erleichtert, konnte man beim Abschreiben jederzeit Textveränderungen vornehmen, Einschübe machen, Auslassungen oder am Schluß Ergänzungen. So entstanden auch in den neutestamentlichen Handschrift en unentwegt unabsichtliche und absichtliche Fehler, Abschreibfehler durch Achtlosigkeit oder Unkenntnis, aber auch bewußte Verfälschungen; letztere ganz besonders in der ältesten Zeit, im 1. und 2. Jahrhundert, als das Neue Testament eben noch keine kanonische Geltung besaß und man sich, das lehren ja auch die sonstigen Fälschungen, nicht scheute, den Wortlaut zu ändern. Fortwährend griffen Kopisten, Redaktoren und Glossatoren in die Texte ein, hat man nach Belieben gestrichen, erweitert, anders geordnet, gekürzt. Man hat geglättet, poliert, hat harmonisiert und paraphrasiert, es entstand eine immer größere Verwirrung, Verwilderung, »ein ganzer Urwald von gegeneinander stehenden Lesarten« (Lietzmann), ein Chaos, das es uns heute unmöglich macht, an vielen Stellen den ursprünglichen Text »mit Sicherheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit« festzustellen.

Finden sich viele Christen schon mit diesen unleugbaren Fakten schwer ab, so irritiert es ihren »Glauben an das Neue Testament«, ihre Gefühle für die große Zeit des Urchristentums noch mehr, daß neutestamentliche Schriften, Bücher der »irrtumslosen« Bibel, daß Werke der frühen Kirche, theologische Traktate, Briefe, Predigten unecht sind, daß sie einen falschen oder gefälschten Namen tragen. Man nennt solche Zuschreibung, sei es durch die Verfasser oder die Überlieferung, Pseudepigraphie.

Mancher christliche Fälscher zwar, vor allem der ältesten Zeit, mag durchaus »guten Glaubens«, in »ehrlicher Absicht« gefälscht haben und somit nicht im strengen psychologischen Sinn einer »Lüge«, eines Vergehens, schuldig, sondern subjektiv leidlich gerechtfertigt sein; objektiv bleibt sein Tun, was es immer war, eine Zweckfälschung, Betrug. Niemand bezweifelt natürlich, daß viele unrichtige Verfasserangaben durch alle möglichen Zufälle, durch Verwechslungen, Irrtümer zustande gekommen sind, durch Fehler der Abschreiber, der Herausgeber. Und niemand auch wird solche falschen Zuschreibungen als Fälschungen bezeichnen wollen und dürfen – wenngleich das irrtumslosen, göttlich inspirierten Schriften seltsam zu Gesicht steht.

Zur Zeit Jesu waren Wunder üblich, fast alltäglich. Man lebte, so der Theologe Trede, »denkend und glaubend in einer Wunderwelt, wie der Fisch im Wasser«. Schlechthin jedes Wunder hat man gewirkt und für möglich gehalten. Auch das Wunder des Gegners wurde nicht bezweifelt, doch gern auf den Teufel zurückgeführt. Auch jede Menge Weissagungen grassierte. Selbst Teile der oberen Schichten waren so unkritisch wie die Massen. Das scheint zu allen Zeiten ähnlich zu sein. Was Thomas Münzer während der Reformation schrieb: »Das Volk glaubet jetzt so leichthin, wie eine Sau ins Wasser brunzet«, das galt jedenfalls schon bei der Entstehung der evangelischen Wundermären und gilt, was die gläubige Masse betrifft, doch fast noch heute.

Im übrigen aber sind diese Wunder ausnahmslos Plagiate. Die religionsgeschichtliche Forschung hat längst erwiesen: alle in den Evangelien Jesus zugeschriebenen Wunder wurden schon in vorchristlicher Zeit vollbracht. Wunderbare Heilungen von Tauben, Blinden, Krüppeln, Dämonenbannungen, Wandel auf dem Wasser, Stillung von Seestürmen, mirakulöse Speisevermehrungen, Verwandlung von Wasser in Wein, Totenerweckungen, Höllen- und Himmelfahrten, all dies und mehr war wohlbekannt. Sie alle sind Standardwunder nichtchristlicher Religionen gewesen und wurden in den Evangelien auf Jesus übertragen und mit geläufigen Mirakelmotiven ausgeschmückt. Die frappantesten Parallelen dazu – alle fabriziert offenbar nach dem von Ovid überlieferten Rezept: »Wunder erzähl ich, das Wunder geschah« – begegnen bei Buddha, Pythagoras, Herakles, Asklepios, Dionysos, um nur sie zu nennen. Doch hat auch Alttestamentliches auf die evangelische Wunderproduktion eingewirkt.

Eine besonders frappierende Parallele zu Jesu Wandel auf dem See gibt es bei Buddha. Auch die Stillung von Seestürmen zählt zu den typischen Wundertaten. Man kannte sie aus der Asklepios-, der Sarapisreligion. Ebenso geläufig waren Geschichten von wunderbaren Speisungen im Heiden- wie im Judentum; der evangelischen Legende auffallend ähnlich ist der alte Bericht einer indischen wunderbaren Brotvermehrung. Selbst Totenerweckungen waren nicht ungewöhnlich – es gab sogar eigene Formeln dafür, und in Babylonien hießen viele Götter geradezu »Totenbeleber«. Asklepios, von dem Jesus auch die Titulaturen »Arzt«, »Herr«, »Heiland« übernimmt, weckte sechs Tote auf, wobei die Einzelheiten dieselben sind wie bei den Toten, die Jesus auferweckt. Auch Höllen- und Himmelfahrten waren wohlbekannt, gleichfalls sterbende und nach drei Tagen wiederauferstehende Gottheiten. Ja, das Schwanken der Evangelien zwischen dem dritten und dem vierten Tag (nach drei Tagen!) hat seine Ursache offenbar darin, daß man die Auferstehung des Osiris am dritten, die des Attis am vierten Tag nach seinem Tod beging. »Dies Wunder«, sagt Origenes von Jesu Auferstehung, »bringt den Heiden nichts Neues und kann ihnen nicht anstößig sein«.

Längst vor Jesus kamen schon andere Gottheiten vom Himmel: vom Vater gesandt, von Engeln verkündet, als Jungfrauensöhne in der Krippe geboren und schon in der Wiege verfolgt. Sie heißen Erwecker, Herr aller Herren, König der Könige, Heiland, Erlöser, Wohltäter, Gottessohn, der gute Hirte. Sie zeichnen sich mit zwölf Jahren aus, beginnen manchmal mit etwa dreißig zu lehren, werden vom Teufel versucht, haben einen Lieblingsjünger, einen Verräter, machen Kranke gesund, Blinde sehend, Taube hörend, Krüppel gerade, heilen nicht nur den Leib, auch die Seele.

Sie wirken, Jahrhunderte früher, ein Weinwunder, wie auf der Hochzeit in Kana. Sie verkünden: »Wer Ohren hat, zu hören, der glaube«. Doch soll ihre Sendung keine Schaustellung sein. Sie werden gemartert, gegeißelt, sterben, einige am Kreuz, auch mit einem Verbrecher, während ein anderer Verbrecher freikommt, eine Frau wischt das Herzblut des Gottes ab, das aus einer Speerwunde quillt. Sterbend sagen sie: »Es ist vollbracht«, »Nimm meinen Geist, ich bitte dich, zu den Sternen auf … Siehe, mein Vater ruft mich und öffnet den Himmel«; sogar Sühnecharakter hat manchmal ihr Tod. Sie überwinden ihn, erlösen die armen Seelen in der Hölle, fahren zum Himmel auf – um nur einiges von dem zu skizzieren, was dann die Bibel wieder offeriert, wobei es in ihr gerade, aber nicht nur, beim größten Wunder, der Auferstehung, von Widersprüchen wimmelt.

Was ist im »Leben Jesu« religionsgeschichtlich betrachtet originell? Nichts. Es ist viel, wenn die Historizität bleibt.Und wenn nicht, die Welt geht deshalb nicht unter. Die Wunder jedenfalls gehören wesentlich zum Christusbild. Ohne sie wäre der Herr »ein blutloses Schemen». Seine Wunder leugnen und ablehnen, betont Katholik I. Klug, »heißt Jesus Christus selbst leugnen und ablehnen«. »Christus, ein Betrüger! Ein Betrüger!« ruft er rhetorisch. »Er, der Reine, der Heilige, den auch seine Todfeinde keiner Sünde zu beschuldigen wagten – ein Betrüger! Ein Gaukler, der mit der Majestät eines Königs einherzuschreiten vermochte!« Nun, dies besagt gewiß nicht viel, wenn man bedenkt, wie viele falsche Majestäten schon wie Könige dahergekommen sind – und wie viele echte nicht!

Besonders schwer war die »Prophezeiung« des Kreuzestodes aus dem Alten Testament zu erweisen, heißt es doch dort: »Denn wer am Holz hängt, der ist von Gott verfl ucht« (5. Mos. 21,23). Um so wichtiger wurde gerade diese »Vorhersage«. Dabei verfielen die ältesten Christen auf die absurdesten Kombinationen, was ich anderwärts gezeigt habe. Das besondere Vorbild aber für die evangelische Passionsgeschichte lieferte, neben den klassischen Leidenszeugnissen von Psalm 22 und 69, vor allem das unechte 53. Kapitel des Jesaja.

Das Groteske an all diesen »Prophezeiungen« ist: die Propheten hatten sie, Jahrhunderte früher, nicht im Futur, sondern in der Vergangenheitsform niedergeschrieben. All dies war also schon geschehen, noch bevor es geschah, ein wirklich wunderbares Phänomen. Und die Leidensvoraussagen Jesu selbst hat schon Celsus (I 207 ff) als nachträgliche Erfi ndungen enthüllt. Markus, der älteste Evangelist, konnte, als er Jahrzehnte nach Jesu mutmaßlicher Kreuzigung, sein Evangelium schrieb, leicht dessen Tod in allen Details voraussagen lassen. Kurz, mit dem Theologen Hirsch: »Der Weissagungsbeweis ist für uns abgetan. Wir wissen alle, daß er nicht stimmt«.

Aber hat nicht die Quantenphysik diese Argumentation hinweggefegt? Ist die Naturgesetzlichkeit seither nicht völlig anders? Seit sie Werner Heisenberg nicht mehr als ein Bild der Natur erklärte, sondern als ein Bild unserer Beziehung zur Natur?Seit seine »definitive Widerlegung des Kausalitätsprinzips« in der Quantenphysik die Naturgesetzlichkeit nicht mehr (wie die klassische Mechanik) als determinierende Gesetze verstand, sondern als statistische Gesetzlichkeit? Ah, was für eine Gelegenheit für alle Apologeten, den Indeterminismus der Quantenmechanik theologisch auszubeuten! Und was für ein Mißverständnis. Widerlegt doch die Makrophysik die klassische Theorie nicht, sondern bestätigt sie. Konzediere doch, betont Protestant Sigurd Daecke, selbst Pascual Jordan, auf den sich all jene Theologen nun beriefen, die das Wunder retten wollten, »daß im sichtbaren Bereich alles Geschehen den Naturgesetzen unterworfen ist, und versucht nicht, aus der bloß statistischen Gesetzlichkeit im subatomaren Bereich, die Möglichkeit von Wundern zu postulieren«108.

David Signer: Bedeutete die Reformation einen Fortschritt,eine Humanisierung des Christentums?Karlheinz Deschner: Nein, ganz und gar nicht. Sie bedeuteteine Fortsetzung seiner Verbrechen. Die Heiligenlegendenzwar entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegendenhielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenglauben;an der Ketzervertilgung; am Antisemitismus, am Kriegsdienst,an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es:Reformation.David Signer: Und in der Schweiz? War Zwingli besser?Karlheinz Deschner: Zwingli, der zeitweilige päpstlicheFeldpfaffe, wollte zwar nicht mit Luther verwechselt werden,verbat sich gar, dass ihn «die Bäpstler luterisch nennind»,war aber so selbständig nicht, zumal in der Praxis. WieLuther sich hinter den Fürstenstand steckte, so er sich hinterden Zürcher Rat, die autonome Stadtrepublik. Wie Lutherbekämpfte er die Bauernunruhen, wie Luther ging er gegendie Täufer vor, wie Luther (und alle echten Christen) trat erfür den Krieg ein. Wie Luther spaltete er das Land und fiel,ungleich allerdings dem Wittenberger, in Helm und Harnischgegen die Innerschweizer Katholiken. Schliesslich war erlängst der Meinung, «die Kirche könne bloss durch Blut erneuertwerden, nicht anders». Blut schmeckt ihnen immer ambesten, vor allem das der andern.David Signer: Und Calvin?Karlheinz Deschner: Ach, dieser extrem unsinnliche,immer kränkelnde, bleichwangige, schwarzgekleidete Asket,der weder eine Empfindung für die Natur noch für die Kunstnoch Gefallen an Frauen, der überhaupt keine Lebenslust zuverspüren schien, nichts als unersättliche Gier nach Macht,das unerbittliche Durchsetzen seiner «Lehre», seiner theokratischenDiktatur – nichts als eisiger Fanatismus, systematischeBespitzelung, Bestrafung, Einmischung ins Persönlichste,Privateste. Allein die ungeheure Niedertracht, mit der er MichaelServet, den einstigen Mitreformer, den Arzt, den Naturphilosophen,wegen einer sogenannten Lehrdifferenz erst imKerker schinden, dann auf dem Scheiterhaufen unsäglichgrauenhaft eine halbe Stunde lang buchstäblich lebendig bratenliess, bis der entsetzlich Schreiende nur noch wie eineschwarze verkohlte Masse am Pfahl hing – noch zweihundertJahre später bekennt Edward Gibbon, der grosse Geschichtsschreiberund Aufklärer, diese eine Opferung habe ihn «tiefererschüttert als die Tausende auf dem Scheiterhaufen derInquisition», deren Grundgedanken Calvin übrigens übernommenhat.

David Signer: Lassen sich die Opfer des Christentumsbeziffern?Karlheinz Deschner: Zählt man zu seinen direktenOpfern – Heiden, Juden, Muslime, «Ketzer», Hexen, Indianer– die indirekten dazu, etwa die der grossen Kriege desletzten Jahrhunderts, wozu alle christlichen Kirchen eindringlichund immer wieder aufgerufen haben, sind es mit Sicherheitmehrere hundert Millionen Menschen; von den Tieren zuschweigen.David Signer: Moment mal! Sie schieben die Opfer derbeiden Weltkriege der Kirche in die Schuhe? Das kommunis-tische Regime der Sowjetunion war atheistisch, und auch dieNazis waren gegen die Kirche. Christen waren mehrheitlichauf der Opferseite oder stellten sich gegen die totalitärenRegimes.Karlheinz Deschner: Das stimmt ja fast alles. Trotzdem,das ist doch die Schande, haben die Kirchen, die katholische,die protestantische, die orthodoxe, hat der Klerus mitden kriegführenden Regimes kollaboriert, engstens und aufallen Seiten.David Signer: Was war zum Beispiel die Rolle des Papstesim Ersten Weltkrieg?Karlheinz Deschner: Pius X., rabiat antislawisch, hatÖsterreich geradezu in den Ersten Weltkrieg getrieben. Undauch Kardinalstaatssekretär Merry del Val hoffte unmittelbarvor Ausbruch des Infernos, die Monarchie werde, wörtlich,«bis zum Äussersten gehen». Dafür gibt es eindeutige Dokumente.Und Tausende und Abertausende von Brechreiz erregenden«Feldpredigten» hetzen jetzt bald, röhren förmlichvor Kriegsbrunst, vor Mordrausch. Sie feiern das millionenhafteKrepieren als «Völkerfrühling», «Pfingststurm», nennendas Kugelsausen «Messgesang», die Kanonen «Sprachrohreder rufenden Gnade», den Schützengraben «Grotte vonGethsemane», das Schlachtfeld «Golgatha», den Augenblickdes Schlachtens «la minute divine». Und die Christen warendabei, aber sie waren Opfer und Täter. Beides!David Signer: Und im Zweiten Weltkrieg?Karlheinz Deschner: Nun, vorher hatte das Papsttumerst alle faschistischen Banden, in Italien, Deutschland, Spanien,die allerscheusslichsten in Kroatien, von Anfang anunterstützt und mit an die Macht gebracht. Und zu Beginndes Zweiten Weltkriegs drohte Pius XII. den «MillionenKatholiken in den deutschen Heeren»: «Sie haben geschwo-ren, sie müssen gehorsam sein.» Er hämmerte ihnen ein, dassder «Führer» das legale Oberhaupt der Deutschen sei undjeder sündige, der ihm den Gehorsam verweigere. DieserPapst brachte, noch mitten im Krieg, nicht nur wärmste Sympathiefür Deutschland zum Ausdruck, sondern auch, wörtlich,«Bewunderung grosser Eigenschaften des Führers». Ja,er lässt diesem gleich durch zwei Nuntien übermitteln, erwünsche, wiederum im Wortlaut, «dem Führer nichts sehnlicherals einen Sieg»!David Signer: Warum? Angst, Anpassung? Oder verfolgtedie Kirche eigene Ziele?Karlheinz Deschner: Pius XII. – Besitzer eines Privatvermögensvon achtzig Millionen in Gold und Valuten – hoffte,was das Papsttum im Ersten Weltkrieg mit Habsburg unddem deutschen Kaiser nicht erreicht hatte, nun im ZweitenWeltkrieg – 25 000 Tote täglich, Tagesumsatz zwei MilliardenMark – mit Hitler zu erreichen, das alte Grossziel Roms:die Katholisierung des Balkans und die Unterwerfung derrussisch-orthodoxen Kirche.David Signer: Wie reagierte die russisch-orthodoxe Kirche?Karlheinz Deschner: Nun, sie trat sofort an die Seiteder atheistischen Sowjetunion, an die Seite Stalins. Denn esgeht da immer, ob katholisch, evangelisch oder russischorthodox,in Wahrheit nur um eines, um die Macht, dieMacht, die Macht. Und so rief man die Bevölkerung zur aktivenUnterstützung Stalins auf, hielt Bittgottesdienste für denSieg der Roten Armee. Ein Konzil von 46 Bischöfen wünschte«unserm vielgeliebten Chef Josef Stalin noch zahlreicheLebensjahre».David Signer: Macht Religion automatisch blöd? Oderkann sie den Menschen auch «veredeln»?Karlheinz Deschner: Ich weiss nicht, vielleicht «veredelt» sie sogar manchmal; vor allem solche, die auch vonallein «edler» geworden wären. Doch die guten Christen sindam gefährlichsten, man verwechselt sie mit dem Christentum.Und partiell «blöd» machen absurde Glaubensvorstellungenimmer.

Nur allzubald verhielt sich die Christenheit auch in sozialer Hinsicht wie alle Welt. Als das erwartete Gottesreich auf Erden nicht kam, nahm man auch mit dem bestehenden Reich vorlieb. Zwar prägt das älteste Christentum, nicht zuletzt als Konsequenz seines Endzeitglaubens, ein starker Staatshaß, nennt das Neue Testament den Staat »die große Hure« und den »Greuel der Erde«, findet man da »überall radikale Negation« (der Theologe Weinel), ist alles, was der Staat tut, »im Dienste des Satans getan« (der Theologe Knopf). Doch wenn es auch noch lange staatsfeindliche Strömungen im Christentum gibt: bereits Paulus – und er ist, um einmal mehr daran zu erinnern, der älteste christliche Autor überhaupt – dachte da um, auch er gezwungen durch das Ausbleiben des Herrn (S. 74).

Schon bei Paulus beginnt gegenüber Jesus – für den die Staaten zur Civitas Diaboli, zum Machtbereich des Teufels gehören und die Staatsmänner zu den Vergewaltigern der Völker – die Anerkennung, die Verherrlichung des Staates. Hatte Jesus erklärt: »Ihr wißt, daß die, die über die Völker herrschen, sie unterjochen und die Großen sie vergewaltigen«, so läßt Paulus die staatliche Obrigkeit – die ihn ja dann selber, wenn wir den christlichen Überlieferungen glauben dürfen, einen Kopf kürzer macht, »von Gott verordnet« sein und stempelt die Regierungen zum Inbegriff von Fug und Recht: für die Kirche seit zwei Jahrtausenden das Fundament einer blutigen Kollaboration. Die frühe staatsfreundliche Tendenz aber setzt sich im Christentum fort und siegt.

Und wie sich die Christen alsbald dem Staat als solchem anpassen, so eben auch, als das erwartete Gottesreich auf Erden ausblieb, dem üblichen Erwerbs- und Wirtschaft sleben.

Beispiele für ein zumindest sehr soziales verbales Engagement könnten Bände füllen. Und vermutlich waren solche Predigten oft auch ehrlich gemeint, jedenfalls von jenen wenigen, die selber ihr Vermögen ganz oder doch zum Teil verschenkten. Auch sind derart hochherzige Akte wohl die wirksamsten Winke an die Reichen gewesen, gleichfalls wohltätig zu sein, was gewöhnlich hieß, die Wohlfahrtstätigkeit der Kirche zu unterstützen, was damit wieder, so oder so, vor allem dieser selbst zugute kam – und zugleich, ein trefflicher Zug: die Armen in Schach hielt. Man verminderte dadurch die sozialen Spannungen zwar nur wenig, aber man hinderte doch die christlichen Armen daran, ihr elendes Schicksal gewaltsam zu ändern. Zumindest verhinderte man es in Verbindung mit vielen anderen Dauer-Indoktrinationen, wie stetem Einschärfen der Untertanenpflicht, des Gehorsams, Duldens, der Demut, Opferbereitschaft, des unendlichen Lohnempfangs im Himmel oder der Drohungen mit Höllenfeuerpeinen etc.

Das ist, knapp skizziert, die Situation, in die Kirche und Christentum hineinsteuern und der sie Rechnung tragen, indem sie scheinbar die Interessen der Reichen und Armen vertreten, im Wirklichkeit aber ausschließlich die jener. Um so fataler, als dies nicht nur der Predigt Jesu, seiner grundsätzlichen Disqualifizierung des extremen Kapitalismus wie des seelenbetörenden Wohlstands an sich, scharf ins Gesicht schlägt, sondern auch vortäuscht, das Schicksal der Armen verbessern zu wollen, sich mit ihnen zu solidarisieren.

Betrachtet man beispielsweise, kurz weit vorausschauend, die Sozialpolitik der Päpste des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts – vorher schrieben die Päpste keine Sozialenzykliken: das taten sie erst seit Marx! –, so stehen sie sämtlich in einer uralten kirchengeschichtlichen Tradition: gipfeln sie alle in dem Bemühung, das Mißverständnis zwischen Habenden und Habenichtsen kriminell zu verharmlosen. Gehen sie alle, wie Papst Leo XIII., der geborene Graf Pecci, »von der einmal gegebenen unveränderlichen Ordnung der Dinge« aus, »wonach in der bürgerlichen Gesellschaft eine Gleichmachung von hoch und niedrig, von arm und reich schlechthin nicht möglich ist«. Sind sie alle überzeugt, wie Papst Pius XII., der große Faschistenkomplice und private Multimillionär, »daß es immer Reiche und Arme gegeben hat; und daß dies auch immer so sein wird …«. Wie schon Leo XIII., erblickt auch Pius XII. darin eine Art natürlicher Harmonie. Unternehmer und Arbeiter sind für den päpstlichen Großkapitalisten »Mitarbeiter an einem gemeinsamen Werk. Sie essen,« möchte man fast (!) sagen, am gleichen Tisch … Jeder von ihnen hat seinen eigenen Nutzen«. Und es ist nicht von ungefähr, daß sich der gegenwärtige »Stellvertreter Christi«, Johannes Paul II. so gern und so oft auf die unsozialen Äußerungen seiner Vorgänger beruft . Daß er vor Arbeitern so zungenfertig von der »Würde der Arbeit«, dem »Adel der Arbeit« spricht. Daß er sie daran erinnert, daß auch Gottes Sohn »arm geboren wurde«, »unter Armen lebte«. Daß sie um Gottes willen nicht »den Reichtum für den Inbegriff des Glücks« halten, vielmehr erkennen sollten, die »Armen vor Gott« seien auch die »Reichen«, wie er im Elendsviertel Vidigal von Rio de Janeiro die doppelt Gedemütigten dämpfte, nicht vergessend hinzuzufügen, daß wir ja »alle Brüder sind …«.

Diese schamlosen Augenwischereien haben nun eine genau 1900jährige Tradition. Und eben dies soll, wie es ihrer traurigen Bedeutung entspricht, im folgenden etwas ausführlicher betrachtet und belegt werden.

Um die Mitte des 2. Jahrhunderts lehrt der sogenannte Zweite Clemensbrief zwar, nicht geldgierig zu sein, sondern Almosen zu geben, die Sünden tilgen. Doch die – schon im Alten Testament irritierende – Tatsache, daß die Bösen manchmal reich, die Kinder Gottes arm sind, erklärt diese älteste christliche Predigt, die überhaupt erhalten ist: die Guten bekommen ihren Lohn im Himmel; bekämen sie ihn schon hier, würde die Gottesverehrung in einen Handel ausarten, der nicht Frömmigkeit bezweckte, sondern Gewinn – und gerade auf Gewinn, den allergrößten, läuft dieser ganze Handel doch hinaus!

Im Christentum jedoch wurde die Wohltätigkeit selten oder nie sozial motiviert, sondern fast stets religiös. Man gab nicht, um gesellschaftliche Mißstände zu beheben, den Lebensstandard zu steigern, um Kunst, Wissenschaft , Bildung zu fördern, sondern um sein Seelenheil zu retten. Man beschenkte sich!

Und gerade deshalb ist dies ganze christliche Wohltätigkeitsgebaren so widerlich. Es beruht gewöhnlich auf nichts als auf dem Prinzip des do ut des, auf einem (im Grunde alttestamentlichen) Vergeltungsdogma, einer ganz banalen, primitiven, für die Massen aber sehr wirkungsvollen Lohn-Strafe-Moral, die schon Markion mit aller Vehemenz verworfen hat. Immer wieder aber wird im Christentum gerade die heilsvermittelnde Kraft des Almosens, das »pro salute animae!«, aufdringlich beschworen; immer wieder besonders in der frühkatholischen Kirche (etwa 150–312) das gute Werk, die »Liebesarbeit«, die Wohltätigkeit als sündentilgendes Opfer propagiert. Nur einen Teil, nur einen kleinen Teil ihres Reichtums brauchten die Besitzenden zu spenden, um dafür von Gott belohnt zu werden.

Jesus hat sich in der Bibel zur Sklaverei nicht geäußert. Sie war in Palästina, wo es (im mosaischen Gesetz) das Verbot grausamer Mißhandlungen der Sklaven gab, Teilnahme an der Festtagsruhe, Entlassung an heiligen Festzeiten, wo die Juden ihre Sklaven überhaupt erträglicher behandelten, wohl nicht so akut.

Dagegen wird die Sklaverei von Paulus, in dessen Gemeinden es nicht an Sklaven fehlte, schon verteidigt. Ja, man nannte ihn mit Recht den konsequentesten Gegner der Sklavenemanzipation. Hält Paulus die Unfreien doch ausdrücklich zum Gehorsam gegenüber den Herren an. »Bist du als Sklave berufen«, lehrt er, »laß dichs nicht anfechten, nein, selbst wenn du frei werden kannst, bleibe nur um so lieber dabei«. Kam ja »alles darauf an«, wie im späten 19. Jahrhundert der Theologe G. V. Lechler betont, »dass die Botschaft von Christo« (sie kam, im Satz zuvor, »wie ein milder Regen auf eine dürre Au«) »nicht misdeutet, die Erlösung von der Knechtschaft der Sünde und Schuld nicht als ein Freibrief der Emancipation aufgefasst wurde, daß ein Sklave … sich nicht über seine Herrschaft … überheben mochte«! Nur das nicht! Denn zu dieser Herrschaft zählte auch und gerade die Kirche. So sorgten deren theologische Diener stets emsig dafür, daß die »Lehre von der christlichen Freiheit« nicht mißverstanden wurde – durch die Sklaven, durch die antiken, die mittelalterlichen Bauern, die unterdrückten armen Teufel aller Zeiten … So zeigte sie, daß die »Lehre von der christlichen Freiheit« nicht leichtfertig »auch auf die soziale Seite des Verhältnisses von Sklave und Herrn übertragen werden« durft e. Nur das nicht! Zeigten sie, so beispielsweise Th eologe Lappas in seiner Doktorarbeit der »Hochwürdigsten kath. theol. Fakultät der Universität Wien«, wie die Sache wirklich zu verstehen sei, die »christliche Freiheit« – innerlich nämlich, innerlich! »Paulus setzte innen den Hebel an zur Lösung der Sklavenfrage und hat wahrlich nicht vergebens sich bemüht. Wie manches Sklavenauge mag aufgeleuchtet haben, als es von dieser Wunderwelt erfuhr, zu der auch der Geringste eingeladen war, einzutreten«.

Wahrlich, nicht vergebens; leider ist das wahr – das aufleuchtende Sklavenauge aber ist Papier; theologische Niedertracht oder Dummheit. Wie auch hätten die Augen tagtäglich und lebenslang Geschundener, die natürlich nichts lieber als ihre äußere Freiheit wollten, leuchten sollen, wenn sie statt dieser Freiheit schäbige Pfaff entricks beglückt haben?

Mit Paulus tritt das ganze Neue Testament für die Erhaltung der Sklaverei ein. »Ihr Sklaven«, verkündet das »Wort Gottes«, »seid euren leiblichen Herren gehorsam mit Furcht und Zittern, in Aufrichtigkeit eures Herzens, als gälte es Christus«. »Verrichtet euren Dienst mit Willigkeit, als gälte es dem Herrn.« »Die Sklaven ermahne, ihren Herren in jeder Hinsicht gehorsam zu sein und ihnen zu Gefallen zu leben, nicht zu widersprechen, nichts zu veruntreuen, vielmehr volle, echte Treue zu beweisen.« Auch wenn die Herren keine Christen sind, sollen die Unfreien sie achten, um das Christentum nicht in Verruf zu bringen! Und um die »Ungläubigen« dem Christentum zu gewinnen. Nicht genug: Das Buch der Bücher, die »Frohe Botschaft«, fordert Gehorsam selbst gegenüber den harten Herren und geduldiges Ertragen ihrer Schläge, wobei man den Elenden den leidenden Jesus als Vorbild hinstellt. Ja, die »Heilige Schrift « befiehlt den christlichen Sklaven, ihren gläubigen Herren nur desto eifriger zu dienen, weil diese Christen seien! Und es tröstet die Sklaven und wohl auch deren Frauen, Kinder samt sonstiger Verwandtschaft, die der Herr beim Tod seines Eigenknechts zu seinen Gunsten enterbte, mit der Versicherung: »Ihr wißt ja, daß ihr vom Herrn das (himmlische) Erbe als Lohn empfangen werdet«. Das hörten die Sklavenhalter gern!

Man hat ausgerechnet, daß der unter dem Namen des Paulus gefälschte, aber im Neuen Testament stehende Kolosserbrief mit insgesamt 18 Worten die Herren zu guter Behandlung der Sklaven ermahnt, die Sklaven jedoch mit 56 Worten zum Gehorsam gegenüber den Herren. In dem gleichfalls unter dem Namen des Apostels gefälschten Epheserbrief ist dies Verhältnis 28 zu 39. Und an drei weiteren Stellen stehen überhaupt nur an Sklaven oder Bedienstete gerichtete Ermahnungen.
 
Auch die außerkanonischen christlichen Schrift en des 2. Jahrhunderts bekämpft en die Emanzipationsbestrebungen der Sklaven energisch. Die christlichen Wortführer verweigern ihnen den Freikauf aus der gemeinsamen Kasse und fordern: »sie sollen sich nicht aufblähen, sondern zur Ehre Gottes noch eifriger Sklavendienste tun«! Sie sollen ihren Herren »wie einem Abbild Gottes Untertan sein in Scheu und Furcht«! Sie drohen den Ungehorsamen, daß sie einst »ruhelos ihre Zunge zerbeißen und mit ewigem Feuer gequält werden«. Diese Warnung an die Sklaven, so versichert Theologe Lechler, »ist ganz sachgemäß. Sie entspricht ganz dem Glauben und ist zugleich vollkommen dem praktischen Interesse des Christentums und der Kirche, nach ihrer Stellung in der antiken Welt, gemäß«. Repräsentierten doch die christlichen Sklavenhalter für die Sklaven »den Herrn im Himmel«!

Gut fügt sich auch für Kirchenlehrer Ambrosius die Sklaverei in die christliche Gesellschaft, in der ja alles hierarchisch gegliedert ist, beispielsweise auch die Frau deutlich unter dem Mann steht. (Nie ermüdet der große Heilige, die »Minderwertigkeit« des weiblichen Geschlechts darzutun, die Notwendigkeit der Herrschaft des Mannes und die Unterordnung der Frau; er »perfectior«, sie »inferior«. Doch ist der Kirchenfürst nicht ungerecht, weiß er auch die Stärke des Weibes zu würdigen, dessen »Verlockungen« selbst hervorragende Männer zu Fall bringen. Und mag die Frau auch wertlos sein, ist sie doch »im Laster stark« und schadet dann der »kostbaren Seele des Mannes«. Bezeichnenderweise zählt auch dieser Kirchenlehrer wieder zur Sklaverei im weiteren Sinn die Knechtung der Frau durch den Mann – die Schuld Evas: weil sie hinter Adams Rükken mit der Schlange verhandelte. So muß der Mann über die Frau herrschen, muß sie »unter seine Herrschaft gestellt«, »sein Herrschaft srecht mit Freuden« anerkennen. »Denn auch dem Pferd ist es nützlicher, einen Zügel zu tragen …«
Der Glaube geht selbstredend auch Johannes Chrysostomos über alles. Der Glaube und das Himmelreich. Und so verweist unser »sozialistischer« Kirchenlehrer die Sklaven aufs Jenseits. Auf Erden haben sie nichts zu erhoffen. Zwar schuf Gott den Menschen als Freigeborenen, nicht als Sklaven. Die Sklaverei aber entstand als Folge der Sünde und werde demnach existieren, solange man sündigen wird. (Und wie Chrysostomos lehren auch andere Kirchenväter den Fortbestand der Sklaverei bis zum Ende der Tage, »bis die Bosheit aufhört und alle Herrschaft und Menschenmacht entleert wird und Gott alles in allem ist«.) Doch nur die Sklaverei der Sünde schade, nicht die physische Sklaverei. Auch nicht das Prügeln der Sklaven. Der hl. »Kommunist« ist gegen »Milde zur unrechten Zeit«. Er ist natürlich auch gegen einen Umsturz, wie schon der hl. Paulus. Wortreich propagiert er die Beibehaltung des Elends überhaupt. »Wenn du die Armut ausrottest«, belehrt er die Menschheit, »dann würdest du die ganze Struktur des Lebens vernichten; du würdest unser Leben zerstören. Keinen Matrosen, keinen Lotsen, keinen Bauern, keinen Maurer, keinen Weber, keinen Schuster, keinen Tischler, keinen Kupferschmied, keinen Sattler, keinen Müller – keins dieser Gewerbe oder irgendwelche anderen würde es geben … Wenn alle reich wären, würden alle in Untätigkeit leben« – wie offenbar die Reichen! – »und dann würde alles zerstört werden und zugrunde gehen.«

Mit aller Entschiedenheit verteidigt Augustinus die Sklaverei.Zu seiner Zeit hatte noch jedes Haus Sklaven, ein reiches oft mehrere Hundert, und der Handelswert eines Sklaven war manchmal niedriger als der eines Pferdes. (Im christlichen Mittelalter verbilligen sich zeitweise die Landsklaven noch fast um das Dreifache. Und zu Beginn der Neuzeit zahlt man in der entstehenden katholischen Neuen Welt sogar bis zu 800 Indianer für ein einziges Pferd. Die Sklaverei entspricht nach Augustin der Gerechtigkeit. Sie ist eine Folge der Sünde, ein selbstverständlicher Bestandteil der Besitzordnung und wird aus der natürlichen Ungleichheit der Menschen begründet. (Nach dem oft so demütig sich gerierenden Bischof von Hippo gibt es nicht einmal im Himmel Gleichheit, finden sogar dort – woher er das wohl weiß? – »zweifellos Abstufungen statt«, »wird der eine Selige vor dem andern einen Vorzug haben«. Die Unterordnung des Sklaven gehört für Augustin ebenso zur gottgewollten Ordnung wie die Unterordnung der Frau unter dem Mann. »Diene nach meinem Vorbild, ich habe vor dir Ungerechten gedient.« Nachdrücklich verwirft es Augustin, die bestehende Gesetzgebung mit Gewalt zu ändern, nachdrücklich lehnt er jede Sklavenemanzipation durch das Christentum ab. »Nicht freie Männer aus Sklaven hat Christus gemacht, sondern gute Sklaven aus bösen«. Flucht, Widerstand oder gar Racheaktionen der Unfreien, all dies wird schärfstens von Augustin verdammt, der solche »pessimi servi« der Polizei oder Justiz ausgeliefert sehen will. Eifrig fordert er von den Sklaven demütigen Gehorsam und Treue. Sie dürfen sich nicht eigenmächtig gegen ihre Versklavung auflehnen, sie sollen ihren Herren von Herzen und mit gutem Willen dienen, nicht unter dem Druck rechtlichen Zwanges, sondern aus Freude an der Pflichterfüllung, »nicht in heimtückischer Furcht, sondern in treuer Liebe«, und dies so lange, bis »Gott ist alles in allem«, ad calendas graecas also, bis zum Nimmerleinstag. Den Herren aber erlaubt der Kirchenlehrer, die Unfreien durch Worte oder Schläge zu strafen – jedoch immer im Geiste christlicher Liebe! Kann Augustin einerseits ja sogar die Sklaven durch die Gottgewolltheit ihres Schicksals trösten, andererseits den Herren den irdischen Nutzen vorstellen, der ihnen aus der kirchlichen Zähmung der Sklaven erwächst. Nicht genug: christliche Sklaven, die unter Berufung auf das Alte Testament – in dieser Frage fortschrittlicher als das Neue – Freilassung nach sechsjährigem Dienst erbitten, weist Augustinus brüsk zurück. Da die Kirche nichts tat, um die Sklaverei zu beseitigen, aber alles, um sie zu erhalten, werden ihre Theologen nicht müde, Ausreden zu kolportieren, wenn sie nicht gar, nach der alten Erkenntnis, daß Angriff die beste Verteidigung sei, das Gegenteil behaupten.

Da die Kirche nichts tat, um die Sklaverei zu beseitigen, aber alles, um sie zu erhalten, werden ihre Theologen nicht müde, Ausreden zu kolportieren, wenn sie nicht gar, nach der alten Erkenntnis, daß Angriff die beste Verteidigung sei, das Gegenteil behaupten. Das Hauptargument aller klerikalen Roßtäuscher in unserem Zusammenhang lautet: das Christentum habe den Sklaven die religiöse Gleichstellung gebracht – seine entscheidende neue humane Leistung!

Humanisierungen in der Sklavenbehandlung, die man später dem Christentum zuschrieb, waren tatsächlich nichts als Nachklänge heidnischer Philosophen, Platons, Aristoteles’, Zenons von Kition, Epikurs u. a., welche längst Güte und Freundlichkeit gegenüber den Unfreien eingeschärft. Nach Seneca etwa, der einmal schreibt: »Wir mißhandeln Sklaven so, als ob sie nicht Menschen wären, sondern Lasttiere«, hat auch der Sklave Menschenrechte, ist er der Freundschaft der Freien würdig, ist keiner von Natur vornehmer, sind die Begriffe römischer Ritter, Freigelassener, Sklave nichts als leere Namen, aus Ehrgeiz oder Unrecht entsprungen. Erschienen doch der Stoa all diese ständischen Diff erenzierungen nicht, wie der christlichen Kirche, als gottgewollt, sondern, zutreffend, als Resultat einer aus Gewalt hervorgegangenen Entwicklung.

Im Christentum waren Sklaven selbst religiös nur in der ältesten Kirche gleichberechtigt. Dann konnte kein Sklave mehr Priester werden! Das erste diesbezügliche Verbot sprach vermutlich Papst Stephan I. im Jahr 257 aus. Später kritisierte Leo I., »der Große«, die Ernennung von Geistlichen, die »keine angemessene Geburt« empfehle. »Leute«, ereifert sich dieser Papst und Kirchenlehrer, »die von ihren Herrn nicht die Freiheit erlangen konnten, werden an die hohe Stelle eines Priesters gebracht, als ob ein schäbiger Sklave (servilis vilitas) einer solchen Ehre würdig wäre«.

Freilassungen von Kirchensklaven gab es. Doch erlaubte etwa die 4. Synode von Toledo den Bischöfen die Freilassung nur, wenn sie die Kirche jeweils aus ihrem eigenen Vermögen entschädigten. Andernfalls konnte der Nachfolger des Bischofs den Vorgang ohne weiteres rückgängig machen (can. 67). Auch mußte jeder Bischof, der einen Sklaven freigelassen, ohne das Schutzrecht der Kirche vorzubehalten, seiner Kirche durch zwei andere Sklaven Ersatz leisten (can. 68)! Schließlich hat die Kirche, was es sonst nirgends gab (!), die Freilassung ihrer Sklaven unmöglich gemacht. Sie waren als »Kirchengut« unveräußerlich.

Nicht genug wieder: die Kirche Christi, die Verkünderin der Nächstenliebe, der »Frohen Botschaft«, trug für neuen Sklavenzuwachs Sorge. So erklärte 655 das 9. Konzil von Toledo im eingestandenermaßen vergeblichen Kampf gegen die Unzucht der Geistlichen: »Wer daher vom Bischof bis zum Subdiakon herab aus fluchwürdiger Ehe, sei es mit einer Freien oder mit einer Sklavin, Söhne erzeugt, soll kanonisch bestraft werden; die aus einer solchen Befleckung erzeugten Kinder sollen nicht bloß die Verlassenschaft ihrer Eltern nicht erhalten, sondern auf immer als Sklaven der Kirche angehören, bei der ihre Väter, die sie schandmäßig erzeugten, angestellt waren« (can. 10).

Alle Behauptungen der Apologeten, das schreckliche Los des Sklaven habe sich in christlicher Zeit gebessert, sind unwahr. Eher trifft das Gegenteil zu.

War in den ersten Jahrhunderten vor allem durch die stoische Lehre von der Gleichheit der Menschen ein leichter Umschwung zugunsten der Sklaven erfolgt, auch in der Gesetzgebung der heidnischen Kaiser, besonders Hadrians, so trat im 4. Jahrhundert eine rückläufige Bewegung ein. Die rechtliche Anerkennung der Sklaverei verschärfte sich, seit der Staat christlich wurde.

Während man vordem nach Geschlechtsverkehr einer Freien mit einem Sklaven die Frau versklavt hatte, befahl ein Gesetz des ersten christlichen Kaisers vom 29. Mai 326, mit sofortiger Wirkung die Frau in diesem Fall zu köpfen, den Sklaven lebendig zu verbrennen. Auch wurden die Verfügungen gegen flüchtige Sklaven 319 und 326 verschärft , und anno 332 wird das Recht, Sklaven während des Prozesses zu foltern, erteilt. Ließ eine Verordnung des Heiden Trajan ausgesetzte Kinder unter keinen Umständen versklaven, verdammte sie 331 ein Erlaß Konstantins des Heiligen zu ewiger Sklaverei. Im Osten blieb dies Gesetz zweihundert Jahre, bis 529, in Kraft, im christlichen Abendland aber anscheinend bis zum Erlöschen der Sklaverei!

Auch die kanonischen Gesetze selber bestätigen die Verschlechterung für die Sklaven in christlicher Zeit.Hatte die Kirche früher beispielsweise kaum Bedenken, Sklaven vor Gericht als Zeugen oder Kläger zuzulassen, sprach ihnen die Synode von Karthago (419) dieses Recht ausdrücklich ab. Und später hielt man stets strikt daran fest. Ihre Bekehrung mit Hilfe der Peitsche machte der christliche Staat den Herren zur Pflicht. Auch die Asylie wurde zum Nachteil des Sklaven beschränkt. Floh ein Unfreier in die Kirche, mußten ihn die Priester binnen eines Tages denunzieren. Versprach der Herr Verzeihung, gab ihn die Kirche heraus.

Angesichts all dieser und weiterer, Kirche und Christentum schwer belastenden Tatbestände zögert ein vielbändiges katholisches Standardwerk nicht, noch 1979 zu behaupten: »Gleichzeitig ist jedoch die Kirche so entschieden und umfassend für die Erleichterung des Sklavenloses eingetreten wie keine andere Institution oder gesellschaft liche Gruppe in der Welt«. Wen wundert’s, wenn auch Papst Johannes Paul II. im selben Jahr 1979 in Lateinamerika, wo einst unter dem Katholizismus gut 50 Millionen Indios und Schwarze verblutet sind, zum Teil in Massakern, wie sie scheußlicher vielleicht niemals in der Geschichte der Menschheit geschahen, vor aller Welt erklären konnte: die katholische Kirche habe dort »das erste internationale Recht« entwickelt, »sich für Gerechtigkeit« eingesetzt »und die Rechte der Menschen«, habe »so vieles und Schönes begonnen« und »die Zeit des Heiles« gebracht? Denn diese Seite schreckt selbst vor den ungeheuerlichsten Schamlosigkeiten und Geschichtslügen nie zurück.