:: Deschner Rezension

Hans Wollschläger (Königsberg i.B.)

Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums

Man muß weit ausholen, um absehen zu können, was Karlheinz Deschners riesige Unternehmung einer »Kriminalgeschichte des Christentums « sich eigentlich zum Ziel gesetzt hat: nicht nur – wofür sein Name längst als Begriff steht – Entlarvung und Revision der speziellen, speziell verheuchelten und kuriosen Kirchengeschichtlerei, die sich vorzugsweise als Wegbeschreibung einer zweitausendjährigen, nur gelegentlich von politischen Komplikationen behinderten, Missionsunternehmung versteht. Denn das ist längst bekannt –: so sehr die Kirche ihr Selbstverständnis beim Renommierbegriff »Abendland« sofort der Politik an die Seite stellt, so wenig läßt sie sich dort sehen, wenn es um die Taten- Details geht, um die Unzahl von Untaten, die es politgeschichtlich, hinter der Fassade von Burgen und Domen, definieren. Ihre Historiker haben ihr bei diesem Geschäft immer geholfen, sie bei ihren Auftritten nach Kräften mit ideellen Titeln vermummt.
Wenn die Religion wahr ist, so reicht ihre Evidenz zur Überzeugung hin. Ist sie aber falsch, so muß man die Menschen freilich verfolgen, um sie zu ihr zu bekehren. Mission, Bekehrung als Verfolgung: in der Tat ein Menschenwerk besonderer Art – mit einer Wirklichkeit, die ihr Vorhandensein eben durch seine Aktionen erst gewann: ein perverses buchstäblich, ein so verderbtes und falsches, daß die gesamte Weltgeschichte ihm nichts Vergleichbares an die Seite stellen kann. Und das wirkliche Ziel von Deschners auf 10 dicke Bände geplantem Werk, nach 10 Jahren bei Band 5 angelangt, ist eben dies: diese Perversion, dieses von den Historikern verkehrte Ursache-Wirkung-Bündnis ans Licht zu ziehen und zur Erkenntnis zu bringen. Deschner schreibt nicht einfach Kirchengeschichte, er schreibt die ganze Geschichte neu – und gibt sie in eben dieser Identität als die Kriminalgeschichte zu erkennen, die sie war. Das geht der gesamten Vertuschungs-Historiographie mitten ins Gesicht, und nur folgerichtig geschieht es mit allen dort verpönten Mitteln: urteilend, wertend – nämlich »moralisch« wertend, nämlich aus der Sicht der Opfer urteilend, die das alles erdulden mußten: eine Greuel-Chronik ohne Wenn und Aber. »Differenzierung« verlangt da gewöhnlich die Zunft-Kritik, um aus dem Blutsumpf in irgend eine »Idee« abheben zu können; nichtsda: sie brächte, aus der Nähe der Erduldenden gesehen, keine Differenz. Diese Nähe, an der er unerbittlich festhält, ist Deschners Prinzip – und seine ihm nicht entreißbare Legitimation. Es geht im 5. Band um das 9. und 10. Jahrhundert, also vor allem um das, was zunft-hochsprachlich »das fränkische Universalreich« heißt: einen Riesenraum zusammengeraubter Gebiete, gärend immerzu, unregierbar; die Kaiser, Sippschaft Karls »des Großen«, seit Ludwig »dem Frommen«, Herrscher mit dem Selbstverständnis als Fortsetzer des römischen Ostreichs, als »Mehrer des Reichs«, nur blinde Macht- und Besitzgierer allesamt, einander um Macht und Besitz »bis aufs Blut« bekämpfend, eine Bruder- und Vetternschaft primitiver Gewaltmenschen, Analphabeten alle; Bildung nur noch bei einigen Individuen in den Klöstern, Kulturproduktion nahe Null; »das Volk« eine unendlich elend dahin vegetierende Masse, von elementarer Not bedrückt, von der Herrenschicht als Kraft nur vergeudet, nicht existent als Mitmenschheit, eine cartesianische Maschinerie von Arbeitstieren; – und über allem die »geistliche Macht« des Bindens und Lösens im aberwitzigsten Sinn: die alleslenkende »Mutter Kirche« mit ihrer eigenen, unersättlichen, jeden Inbegriff von »Vermögen« einschlingenden Habsucht... Eine Kriminalgeschichte wahrlich: was schulbüchern auf »kriegerische Auseinandersetzungen « eintrocknet, auf »machtpolitische Spannungen«, »Ringen um die Vormachtstellung«, »Grenzsicherung«, »Befriedung« gar, wacht in Deschners Darstellung buchstäblich wieder »zum Leben« auf: Gangsterkämpfe sind’s, und das Familientreffen all der Kronen- und Mitraträger, das er aus den Primärquellen einberuft, ist von einer Art, daß am Ende »das Abendland« anmutet wie ein riesiges, aus aller ethischen Fasson geratenes Chicago. Ist das endlich »die Wahrheit«? Wer sich an der Widerlegung versuchen wollte, müßte zumindest viele Haken schlagen: Deschner läßt ihm in seiner erdrückenden Fakten-Phalanx keine Lücke, durch die zu entschlüpfen wäre, und kein einziges »Jahr der göttlichen Menschwerdung « – wie es die geistlichen Chronisten nennen –, das nicht zum Bersten gefüllt wäre von abgesegneten Greueln, durchjauchzt, durchschworen, durchmordet im »Namen Gottes«. Er tut das mit Ingrimm – und mit jener mitleidenden Ironie, die schon Schopenhauer als eigentlichen »Stil« für die Geschichtsschreibung empfahl und zu der unweigerlich gelangen muß, wer als Wanderer durch die Urwälder von zweihundert, am Ende zweitausend Jahren Urkunden den Kontrast zwischen Redensarten und Tatenarten im Christentum erblickt hat. Mit Hohn und Verachtung läßt er die Zeugnisse aufeinanderprallen: die faktendürre Wortkargheit der Annalisten mit dem ölig-öden Schwall der pfäffischen Rede und schließlich mit den abgestorbenen Sprachregelungsritualen der Historiker. Das ergibt, als Selbstdarstellung der Geschichte, eine mitunter schrille, provozierend atonale Komposition, eine ganz eigenartige Polyphonie der Heuchelei, die die Frage weckt, ob sie nicht typisch »christlich«  sei, allein aus dem exotischen »Wahrheits«-Verständnis der christlichen Kirche zu erklären, was Deschner bejaht. Eine vergleichende weltgeschichtliche Stil-Untersuchung würde möglicherweise Überraschungen bringen. Ödnis geradezu breitet sich manchmal daraus aus. Man wird der Greuel und ihrer psalmodierenden Tonsprache so müde, wie die Menschheit ihrer längst hätte werden müssen: »dasselbe, immer anders « – ein unerschöpfliches Kaleidoskop aus Scherben, die zu nichts anderem taugen als dazu, in immer neuen Mustern »den Menschen als reißendes Tier zu zeichnen« (Jacob Burckhardt). Differenzierung gibt es in ihm nur als Lüge; für ein wahres Geschichtsverständnis ist keine andere Differnezierung legitim als die zwischen Tätern und Opfern. Sie jedenfalls fehlt bei Deschner keinen Augenblick, sie ist das Kriterium seiner Arbeit. Sicher, es geht bei diesem detailliert chaotischen Zirkeltanz der Stunden und Tage und Jahre auch im Text oft wüst zu und manchmal leer. Einem Autor, der dieses öde Einerlei als Roman vorlegte, wäre die Bezichtigung unendlicher Einfallslosigkeit und Langeweile sicher. Nicht immer auch, darf man sagen, vermag Deschner den Zusammenhang zum Gesamtwerk zu halten; aber er gewinnt ihn zwischendurch immer wieder zurück, und dann überwältigt er auch literarisch mühelos seine Gegner mit jener Autorität, die einzig aus großer Menschlichkeit kommt. Sie ist sein Leitfaden, der ihn mit seinen Figuren wie mit seinen Lesern verbindet. Diese beiden will er zusammenbringen. »Ich schreibe aus Feindschaft«, stand schon in der Einleitung: »Denn die Geschichte derer, die ich beschreibe, hat mich zu ihrem Feind gemacht«. »Alles nur Emotionen« sagen die Historiker, die sich davon emanzipiert haben, und spreizen die weihwässrigen Finger. Sie treffen das Richtige in jedem Sinn – und sich selber mitten ins steinerne Herz. Es ist ja die Frage, ob das Christentum selbst sich wünschen sollte, daß nur noch akademisch von ihm geredet werde. Die Geschichte, von der nur noch so geredet wird, könnte abschreckend zeigen, wohin es geriete. Daß beide, untrennbar verbunden, in den Orkus geraten mögen, irgendwann, ist Deschners Wunsch und Ziel, Aufklärung ist sein Instrument. »Man muß die Geschichte kennen, um sie verachten zu können«, sagt die Einleitung. »Das Beste an ihr ist, daß sie vorübergeht. « So einfach ist es, aber sehr wuchtig. »Licht ist meine Lieblingsfarbe«, sagt Deschner. In diesem Licht ist zu sehen, was das wirklich ist, was irgendwann vorübergehen und in den Abgrund soll: »Trümmerstätte « und »Schlachtbank«, ja, Ruinen und Leichenberge, erlebte Leiden, und nichts sonst. Keine »Ideen«, keine ehernen Notwendigkeiten »des Geistes«: erlebte Leiden, und nichts sonst. Gegen sie lehrt er die Emotion »Wahrheit«, anrührend utopisch und doch zum Greifen nahe bringend; er zwingt zum begreifenden Lernen. Daß die abendländische Geschichte Kirchengeschichte sei, ist seine eine These. Dass sie falsch beschrieben sei, die andere. Lernen müssen so von ihm vor allem die Historiker, die durch ihn fehlbar gewordenen Lehrer, von denen er die Materialien hat und gegen die er sie kehrt; sie müssen von ihm lernen, damit ihre Leser, die gegenwärtig und künftig Erlebenden, endlich zu lernen lernen. Was? Nicht die Fakten allein, den wahren oder verlogenen Tüddelkram der Geschichte; den haben sie buchhalterisch korrekt immer verwaltet. Sondern: das wahre – und verlogene – Gesicht der Konstitution Geschichte, zu der diese Fakten sich zusammenschließen. »Es leben unstreitig in Deutschland ein Dutzend Menschen, welche überhaupt nur archivalisches Anhäufen von Einzelfakten als wissenschaftlichen Fortschritt gelten lassen », schrieb einst Jacob Burckhardt, »wer aber Leben darstellt und Ideen hat, geht diesen Herren gelegentlich zu ihrem großen Erstaunen über die Köpfe hinweg.« Deschner geht über weit mehr als ein Dutzend Köpfe hinweg, und die saturierte und glattrasierte Unberührtheit, mit der auf Kathedern von Katastrophen geredet wird, steht unter und hinter ihm gar nicht mehr gut da. Vor dem Weltgericht, das nach Schillers griffigem Ausdruck die Weltgeschichte ist, haben die Historiker sich lange genug als selbsternannte Pflichtverteidiger aufgeführt. Jetzt sind sie »zu ihrem großen Erstaunen« mit einemmal selber auf die Anklagebank geraten, weil sie die Epochen schöngeschrieben haben und den Tätern freigebig das Attribut »der Große« zugeteilt haben, wenn die Quantität der hinterlassenen Leichenberge und Ruinen besonders eindrucksvoll war und dies dann absurderweise mit dem »Völkerrecht« gerechtfertigt haben. Sie müssen, diese Verteidiger und Beihelfer, nach Deschners Beweisaufnahme viel tun, um selber davonzukommen. Sie müssen ihr Pantheon, das gegenständliche wie das ideelle, endlich entmythologisieren. Sie müssen sich andere Helden suchen als die krachenden »welthistorischen Individuen«, weil diese die einzigen waren, die aus den endlosen Methodenkatalogen der Machtausübung und Unterdrückung bisher lernen konnten. Sie müssen sich den wahren menschlichen Schicksalen zu widmen verstehen, jenen, die in den von ihnen besungenen Heldentaten nur am Rande vorkommen und nur in Zehntausender- Einheiten. Ihr Fach muß deshalb auch eine Sozialwissenschaft werden. Die Historiker müssen schließlich ihren Wortschatz erweitern, um für all diese Aufgaben überhaupt benennungsfähig zu werden. Kein besserer Lehrer als Deschner wäre hier für sie zu finden. Vielleicht ist seine Kriminalgeschichte, als ein einziges gewaltiges Pamphlet mit mehrfacher Zielrichtung, nicht das Ideal selbst, zu dem die Geschichtsschreibung gelangen muß. Ganz fraglos aber ist es der ideale Anstoß auf dem Weg zu diesem Ideal hin. Aus dem letzten plumpen Versuch der Zunft, mit dem Schreibtischlineal das aus der Nähe Erlebte einzuebnen, wurde ein Historikerstreit. Einstweilen finden einige den Provokateur Deschner »unseriös« und tauchen mit erbittert verknitterter Miene aus ihren Papierbergen auf, um auf ihre noch aus Kaisers-Königs-Edelmanns Zeiten stammenden Redensarten zu pochen. Das wird sich mit Gewißheit und Notwendigkeit ändern. Karlheinz Deschner hat sein Aufklärungswerk »Kriminalgeschichte des Christentums«  vor zehn Jahren begonnen und ist damit auf der Hälfte angelangt. Er muß, heute 73, sehr alt werden, um es zu schaffen. Daß er’s werde und schaffe, ist den Geschichtsschreibern dringlich zu gönnen, uns Geschichtslesern zu wünschen.
Der vorliegende Text wurde 1997 nach dem Erscheinen des 5. Bandes der Kriminalgeschichte für den Deutschlandfunk geschrieben und dort gesendet.